Rike Masuth Die Blinden (nach Nikos Kazantzakis*)

„Hey Oma, was ist eigentlich immer damit gemeint, wenn man sagt: Verschließe die Augen nicht vor der Wahrheit. Und außerdem generell, dann macht man doch nie die Augen zu, oder?“, fragt Max seine Oma eines Tages als er sie wie immer besucht. „Aber das ist ganz einfach mein Schatz, lass` mich dir dazu eine kleine Geschichte erzählen:
Es war einmal ein kleines Dorf in der Wüste. Alle Einwohner dieses Dorfes waren blind. Eines Tages kam ein großer König mit seinem Heer vorbei. Er ritt auf einem gewaltigen Elefanten. Die Blinden hatten viel von Elefanten erzählen hören und wurden von einer heftigen Lust befallen, heranzutreten und den Elefanten des Königs berühren zu dürfen und ihn zu untersuchen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was das für ein Ding sei. Einige von ihnen-vielleicht waren es die Gemeindeältesten-traten vor und verneigten sich vor dem König und baten um die Erlaubnis, seinen Elefanten berühren zu dürfen.
Der Eine packte ihn beim Rüssel, der Andere am Fuß, ein Dritter an der Seite, einer reckte sich hoch auf und packte das Ohr, und ein Anderer wieder durfte einen Ritt auf dem Rücken des Elefanten tun. Entzückt kehrten alle ins Dorf zurück, und die Blinden umringten sie und fragten eifrig, was denn das ungeheuerliche Tier Elefant für ein Wesen sei. Der Erste sagte: „Es ist ein großer Schlauch, der sich hebt und senkt, und es ist ein Jammer um den, den er zu packen kriegt.“ Der Zweite sagte: „ Es ist eine mit Haut und Haaren bekleidete Säule.“ Der Dritte sagte: „ Es ist wie eine Festungsmauer und hat auch Haut und Haare.“ Der, der ihn am Ohr gepackt hatte, sagte: „ Es ist keineswegs eine Mauer, es ist ein dicker, dicker Teppich, der sich bewegt, wenn man ihn anfasst.“ Und der Letzte sagte: „ Was redet ihr für einen Unsinn? Es ist ein gewaltiger Berg, der sich bewegt!“ “
Mitten in den Ausführungen seiner Oma sagt Max aus einmal zu seiner Oma: „Also gut Oma, die Geschichte habe ich jetzt gehört, die sind alle blind und so, aber verstanden habe ich es jetzt immer noch nicht!“ „Ach mein Schatz, aus solchen Erzählungen zieht man immer ein ganz anderes Fazit, als zunächst erwartet. Solche Geschichten sind allenfalls bildliche erzählt. Man muss sie erst deuten, um den wahren Hintergedanken des Verfassers zu begreifen. Also lass es dir nur erklären!
Mit der Blindheit ist in den meisten Erzählungen keinesfalls diese Erkrankung gemeint. Mit der Blindheit bezeichnet man in solcherlei Geschichten die Unwissenden, die, die ihre Augen vor dem verschließen, was sie nicht kennen. Und auch das Dorf und seine Bewohner ist hier eine enge Gesellschaft in einer vollkommen abgeschiedenen Welt! Der König auf seinem Elefanten ist allenfalls ein mächtiger Weiser aus dem fernen Zentrum der Welt mit etwas, das die Unwissenden nicht kennen. Die mit Vorrechten, die Vertrauenswürdigsten des Dorfes, in dieser Geschichte die Dorfältesten, wagen sich vor das Neue zu erkunden! Alle erkennen etwas anderes, doch wenn sie ihr Verständnis und ihre Deutungen zu einem Bild zusammen fügen, so erhalten sie die ganze Wahrheit. Vielleicht stellt der Elefant Schwächen dieser Menschen dar, die sie alle immer verheimlichen, doch wenn sie sich damit alle zusammentun, können sie etwas gegen ihre Probleme tun. Man muss der Wahrheit eben ins Auge schauen!“
*Der kursiv gedruckte Test ist das Original von Nikos Kazantzakis

Elisa Weimann Die Blinden (nach Nikos Kazantzakis*)

Es war vor nicht allzu langer Zeit, da sich die Leute immerzu gerne Geschichten und Anekdoten bei einem gemeinsamen Krug Bier erzählten. Es war ein Unbekannter, der schließlich begann in der Kneipe folgendes den Menschen vorzutragen:
Es war einmal ein kleines Dorf in der Wüste. Alle Einwohner dieses Dorfes waren blind. Eines Tages kam ein großer König mit seinem Heer vorbei. Er ritt auf einem gewaltigen Elefanten. Die Blinden hatten viel von Elefanten erzählen hören und wurden von einer heftigen Lust befallen, heranzutreten und den Elefanten des Königs berühren zu dürfen und ihn zu untersuchen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was das für ein Ding sei. Einige von ihnen-vielleicht waren es die Gemeindeältesten-traten vor und verneigten sich vor dem König und baten um die Erlaubnis, seinen Elefanten berühren zu dürfen.
Der Eine packte ihn beim Rüssel, der Andere am Fuß, ein Dritter an der Seite, einer reckte sich hoch auf und packte das Ohr, und ein Anderer wieder durfte einen Ritt auf dem Rücken des Elefanten tun. Entzückt kehrten alle ins Dorf zurück, und die Blinden umringten sie und fragten eifrig, was denn das ungeheuerliche Tier Elefant für ein Wesen sei. Der Erste sagte: „Es ist ein großer Schlauch, der sich hebt und senkt, und es ist ein Jammer um den, den er zu packen kriegt.“ Der Zweite sagte: „ Es ist eine mit Haut und Haaren bekleidete Säule.“ Der Dritte sagte: „ Es ist wie eine Festungsmauer und hat auch Haut und Haare.“ Der, der ihn am Ohr gepackt hatte, sagte: „ Es ist keineswegs eine Mauer, es ist ein dicker, dicker Teppich, der sich bewegt, wenn man ihn anfasst.“ Und der Letzte sagte: „ Was redet ihr für einen Unsinn? Es ist ein gewaltiger Berg, der sich bewegt!“ “
Die Leute, die sich inzwischen allesamt um den Unbekannten versammelt hatten, wussten nicht recht etwas mit dieser Geschichte anzufangen. Sie war anders und doch wieder nicht. Dennoch verwirrte ihre tiefsinnige Besonderheit. Bis schließlich einer der Männer sagte, was viele gedacht und doch nicht ausgesprochen haben: „Was bedeutet das? Warum erzählst du uns diese Geschichte?“
Und der Fremde antwortete:
„Es ist ein Gleichnis, welches ich euch gab. Gewiss, die Bedeutung scheint euch noch nicht bekannt, doch werde ich sie euch nun erzählen und ihr werdet erkennen, dass sie euch nicht so unbekannt ist, wie sie zunächst scheint. Es ist der Sinn dieser Geschichte, den Menschen zu zeigen, wie gespalten doch die Gesellschaften sind und dass es reicht etwas Besonderes zu besitzen, um gleich ganz viele Menschen in steigende Neugier und Wissbegierde zu stürzen. Etwa so, wie ich es mit euch tat. Ich erzählte euch etwas Neues und Unbekanntes und schon erweckte ich in euch die Neugier zu erfahren, was es mit dem Gleichnis auf sich habe. Und obgleich jeder von euch den Sinn dieser Geschichte anders zu deuten vermag, so würdet ihr gemeinsam zu dem richtigen Sinn finden, ähnlich wie die Dorfbewohner, die jeder nur einen Teil des Elefanten beschreiben konnten, und doch wären diese Teile gemeinsam der Elefant. Die Blindheit der Dorfbewohner, die auch eure Augen verschloss, zu erkennen, was ich euch zu sagen versuchte, ist nun doch das, was der Menschheit als Problem erscheint.
*Der kursiv gedruckte Test ist das Original von Nikos Kazantzakis

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Veröffentlicht: Januar 11, 2016 in Uncategorized

Seelenschicksal

Er galoppierte durch den Nebel, fühlte die Feuchtigkeit der Schwaden auf dem Gesicht gleich Regentropfen und versuchte, seinen Weg zwischen all dem Weiß zu erkennen… Die Bäume waren nur noch als dunkle, blasse Schemen zu erahnen. Sein Pferd stolperte zweimal beinahe über eine Wurzel.
Der Schattenwald war berühmt für seine verschlungenen Pfade.
Überall im Nebelland hingen die Schwaden gleich dem Atem eines Riesen in der Luft. Die Kälte ließ sie noch größer werden, obgleich in diesem Land stets ein kühles Klima herrschte. Es schien, als vertreibe der Nebel alle Hitze und alles Licht…
Doch Randorin kannte sich gut in dem Wald aus und war seit seiner Kindheit an die Schwaden gewöhnt. Dennoch musste er immer wieder blinzeln, als er hindurch ritt. Sie kamen ihm an diesem Tag besonders dicht vor, als wollten sie ihn in die Irre führen und verhindern, dass er eines der größten Wunder seiner Welt vor der Zerstörung bewahrte… Er sah sich um und zügelte sein Pferd. Randorin glaubte zu wissen, dass er allein und unbeobachtet sei.
Behutsam schlug er den Stoff auseinander und betrachtete den Gegenstand, den Ira ihm gegeben hatte.

Auf den ersten Blick schien es nur eine Glasscheibe zu sein, an der Feuchtigkeitstropfen herunter- liefen, doch er erkannte sofort den Zauber dieses Glases:
Die Tropfen, die an ihm herunter rannen, taten es nicht gleich schnell. Einige schienen es eilig zu haben, sie stürzten hinunter und rissen andere, langsame mit sich. Andere jedoch bahnten sich behutsam und vorsichtig einen Weg durch die Menge, als wollten sie die nicht stören, die auf einer Stelle verharrten und diesen Augenblick in ihrem Leben genossen.
Jene Tropfen, die am Ende angelangt waren, verschwanden, während oben immer neue erschienen, mal mehr als all jene, die verschwunden waren, mal weniger.
Er besah sich das Tuch. Es war dunkelblau und mit silbernen Stickereien verziert. Randorin meinte, einen Nachthimmel durch eine Fensterscheibe betrachtet, zu erkennen, an der Regentropfen hingen… Das Tuch war vollkommen trocken. Die Tropfen schienen keine Spuren zu hinterlassen. Vorsichtig berührte er einen von ihnen. Er war heiß. Erschrocken zog Randorin seine Hand zurück, doch zu spät. Er spürte ein seltsames Gefühl in sich aufwallen:

Nebel, der ihn umgab, ihn verschlang und mit sich fort wehte, auf die andere Seite des Flusses…

Der junge Mann schüttelte sich, als könne er so die Erinnerung an das, was er gerade gespürt hatte, loswerden. Randorin versuchte sich an das zu erinnern, was man ihm über die Glasscheibe erzählt hatte, die er in Händen hielt:
„Es ist die Weltenscheibe, die alle Seelen der Menschen als Tränen auf ihrer Oberfläche trägt. Die Tropfen, die verschwinden, sind die Seelen der Sterbenden, die, die erscheinen, die der Lebenden. Berührt man einen Tropen, so spürt man die Gedanken der Person, fühlt, was sie empfindet und sieht, wo sie ist.“
Randorin starrte erneut auf die Tropfen, die hell im Nebel schimmern, flüssig gewordenes Mondlicht, Leben, das nicht erstarren konnte, Schicksale, die längst beschlossen waren vom Schicksal selbst, das in diesem Glas einst die Menschen beobachtet hatte, wie es hieß…
Er meinte zwischen all dem Silber einen roten Tropfen zu sehen, der rasch wieder verschwand. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinab, als er sich den Worten entsann, die er noch gehört hatte:
„Seine eigene Seele sieht man rot aufblitzen.“

Der Blutstropfen in all den Tränen, wie es ihm erschienen war, hatte sich etwa in der Mitte befunden…

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Es klang, als schnaube ein anderes Pferd nicht weit von ihm…
Mit einem Fluch verbarg er die Schicksalsscheibe erneut in den Tüchern und trieb sein Pferd an. Er hatte schon seit Jahren von seinen Verfolgern gewusst, doch Ira hatte ihm vor seinem Verschwinden die Namen nicht nennen können und nach all der Zeit hatte sie es nicht über sich gebracht, dem Fremden, der er für sie geworden war, Namen von Personen zu verraten, die er umbringen wollte, sei es auch nur, um sich selbst zu schützen… Sie hatte sich ebenso verändert wie er…

Die Gestalten erschienen lautlos zwischen den Nebelschwaden und neben den Bäumen, hinter denen sie sich verborgen gehalten hatten…
Sie folgten ihm. Alles, was er von ihnen wahrnahm, war das Schnauben ihrer Pferde, Klirren ihrer Waffen, Knarren ihrer Sättel und dunkle Schemen hinter ihm… Doch er wandte sich nicht um, sondern blickte nach vorn, um die Lichtung vorauszuahnen, die er suchte…
Dort schimmerte der Bach, der seine Rettung bedeutete…
Er sprang vom Pferd, als es hindurch preschte, landete unglücklich und stürzte. Das letzte, was er sah, war das Klirren von Glas in seiner Hand…

Die Männer zügelten ihre Pferde. Der Mann, den sie gejagt hatten, war verschwunden. Sie bemerkten die Scherben, die vom Wasser des Baches fortgespült wurden, und wandten sich um. Sie hatten das Glas des Schicksals um der Unwissenheit willen zerstören wollen. In ihren Augen war es ihnen geglückt.

Randorin erhob sich zitternd. Er stand in einem anderen Land. Um ihn herum herrschte Stille. Wilde Pflanzen wucherten um ein Steingebilde herum, das aussah wie eine Brücke. Doch es führte kein Fluss darunter hindurch. Zögernd betrat er es und schritt hinüber. Auf der anderen Seite wartete keine Ebene, sondern ein Wald auf ihn. Er begriff: Er war in einer anderen Welt.
Das Glas war fort. Er konnte nun hier in Sicherheit weiter leben…

Doch das Seelenglas des Schicksals bestand noch. Zwar war es zersprungen, doch seine Bruchstücke verliehen dem Bach jene Fähigkeit, die er einst besessen hatte:
Man sieht sein Schicksal in ihm – und begreift, wie bald sein Leben enden wird. Es war jenes Wissen gewesen, das die Männer einst gefürchtet hatten…

Ich jedoch hoffe, dass ihr den Bach eines Tages finden werdet.

Charlotte Pause

Veröffentlicht: Januar 11, 2016 in Uncategorized

Fremder Freund (Kapitel 1)

Es war dunkel. Die Nacht lag über der Stadt und füllte sie mit ihren Geräuschen.
Sie saß mit dem Rücken zur Tür, dicht über einen Brief gebeugt und beobachtete ihren Stift, der rasch über das Papier huschte.
Schritte auf der Treppe durchbrachen die Stille. Sie klangen schwer, gleich denen eines Mannes. Die Tür quietschte leise. „Ich habe Simon befohlen, sie bald zu ölen. Er macht sich in letzter Zeit recht gut, findest du nicht auch?“ – „Nein.“
Die Stimme, die ihr antwortete, war seltsam tief und rau, doch wohlklingend und voll tönend. Sie erstarrte und wandte sich langsam auf ihrem Stuhl um. Ihr rundes, beinahe kindliches Gesicht war blutleer. Sie zitterte in ihren reich bestickten Kleidern. An der Tür stand eine Gestalt. Diese war in einen dunklen Reiseumhang gehüllt, auf dem Regentropfen im fahlen Schein des Kaminfeuers glitzerten.
Der Mann gab der Tür einen leichten Tritt, worauf sie zuschwang und mit einem leichten Knall ins Schloss fiel.Für sie klang das Geräusch wie das Zuschnappen einer Falle.
Er schlug seine Kapuze herunter. Ihr entgegen sah ein junger Mann mit einem ernsten, hübschen Gesicht. Seine Haut war sonnengebräunt, das dunkle Haar fiel ihm ins Gesicht. Es verbarg seine dunklen Augen, deren Blick tief in ihr Herz zu sehen schienen.
„Du hast mir einst ein Versprechen gegeben.“ Sie wollte protestieren, doch er hob die Hand und sprach weiter: „Ich meine das zweite, das Geschenk, das nie dir gehörte…“
Der Satz hing im Raum, verband sie beide gleich einem unsichtbaren Band, das lange Zeit kurz vorm Reißen gewesen war. Sie zitterte noch immer. Er sah sie stumm an.

Eine Strähne seines Haares fiel ihm vor die Augen und für einen Moment sah sie ihn erneut vor sich, den Jungen mit den abenteuerlustig blitzenden Augen, der hier vor ihr gestanden und ihr ein Versprechen abgenommen hatte, das sie verfolgt und das sie stets bereut hatte.
Doch er war fort. Die Jahre hatten einen Mann aus ihm werden lassen und der Staub der Zeit hatte seine Sorglosigkeit vertrieben. Es war, als begegnete sie seinem älteren Bruder, einem fremden, nie gekannten Freund…

Ein Holzscheit knackte im Feuer. Das Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. „Ich werde es dir bringen“, murmelte sie, ohne ihn anzusehen. Er lächelte ein schwaches Lächeln, das so viel anders war als das, welches er ihr früher geschenkt hatte.
Sie huschte aus dem Raum, öffnete das Versteck und entnahm ihm den Gegenstand, dessen einstiger Segen ihr zum Fluch geworden war.
Er stand am Kamin, als sie zurückkehrte. Ruhig nahm er den in Stoff eingewickelten Gegenstand entgegen. „Du bist nur dafür wiedergekommen?“ Sie konnte nicht verhindern, dass Enttäuschung in ihrer Stimme mitklang. Er lächelte erneut und dieses Mal schien es fast dasselbe Lächeln wie vor all den Jahren. „Ich weiß, dass du mir das andere nicht geben wirst und ich verlange es auch nicht mehr. Die Zeit hat dir dein Versprechen abgenommen. Sie hat uns entzweit, sodass das, was einst nahe schien, unmöglich geworden ist. Du wirst niemanden mehr verraten, und sei es auch nur, um mich zu retten…“
Er wollte schon aus dem Raum verschwinden, doch sie hielt ihn zurück. „Hast du es irgendjemandem gesagt?“ Er sah sie an, bemerkte ihre Angst und schüttelte den Kopf „Deine Angst war mir Bestrafung genug.“
Mit diesen Worten streifte er sich die Kapuze über den Kopf und huschte aus dem Raum.

Sie trat ans Fenster und sah ihm nach. Er stieg auf ein Pferd und ritt fort, durch das Mondlicht in den dunklen Wald hinein. Der Regen glitzerte und für einen Moment schien der Reiter zu schimmern, bevor die Schatten ihn verschluckten.
Alles, was sie nun sehen konnte, war der Nebel, der von den Bäumen aufstieg.
Doch sie stand noch lange dort am Fenster und starrte in die dichten Schwaden hinein.

Allen ein gutes neues Jahr

Veröffentlicht: Januar 10, 2016 in Uncategorized

Glück
Zu Glück gehört, seine eigene, persönliche Empfindung unabhängig von dem Ausmaß der Situation, werten zu können. Man lernt, seine Ansicht zu ändern, zum Beispiel einer negativen Situation die positiven und motivierenden Dinge zu entziehen, die innere Erfahrung zu kultivieren.

Das Glück, das auf einen zukommt, soll weniger hinterfragt werden, dafür aber genossen, da es unerwartet ist.
Man nimmt für Glück Schmerzen in Kauf, bewältigt Herausforderungen, um mit ihm Eins zu werden.

Glück ist die erbrachte und vollendete Leistung, die man mühsam erreicht hat.

(Sylvie Strickhausen, Jahrgangsstufe 9)

Veröffentlicht: Dezember 1, 2015 in Uncategorized

Schreiben wie von Geisterhand

„Puuh! Ich bin so erschöpft, Schreiben ist so anstrengend“, stöhnte Catrin. Sie war erst zehn Jahre alt und mochte die Schule. Aber das Schreiben mochte sie überhaupt nicht. „Morgen steht die Deutscharbeit an“, grübelte sie mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn. Niedergeschlagen ging sie zu Bett.

Und richtig: sie konnte kein Auge zumachen und wälzte sich unruhig hin und her. Da – die Kirchglocken! Sie zählte die zwölf dumpfen Schläge: : Mitternacht! Müde stolperte sie an ihren Schreibtisch – vielleicht könnte sie die Aufsatzregeln noch einmal durcharbeiten? Stattdessen schlief sie jetzt ein und träumte:

Bilder erschienen vor ihren Augen. Sie sah eine große Tür. Catrin öffnete sie vorsichtig. In den Angeln knirschend sprang die Tür auf. Leise schlich sie in eine kleine Kammer, in der offensichtlich Bücher aufbewahrt wurden. Die Regale waren verstaubt und sahen uralt aus; sie waren morsch. Ihr kam es so vor, als würden sie gleich einstürzen: eine Bücherei!

Sie traute ihren Augen nicht: fliegende Bücher! Und da: Geister in fast durchsichtigen Gewändern lasen oder suchten Bücher und manche schrieben offensichtlich Bücher. Die Geister starrten Catrin entsetzt an – es waren zwölf, für jeden Glockenton einer! Sie wisperten: „Wie kommt ein Menschenkind hierher?“ „Ich bin nur zufällig hier“, versicherte Catrin eilig. „Wie kommt ein Menschenkind in unsere Bibliothek und was willst du“?

Mutig entgegnete Catrin: „Ihr müsst mich lehren, wie man gute Aufsätze schreibt!“

Ein Geist mit einem langen weißen Bart nahm sich ihrer an: „Na, dann wollen wir mal!“

Nach kurzer Zeit war ihr klar, dass das mit dem Schreiben gar nicht so schwierig war. Es machte sogar Spaß!

Die Glocken schlugen ein Uhr. Die Geisterstunde war vorbei! Müde tapste sie in ihr Zimmer zurück und schlief sofort ein.

Am nächsten Tag lautete das Thema der Deutscharbeit: Erzähle eine Geistergeschichte. Eifrig machte sie sich an die Arbeit. Wie leicht das Schreiben von der Hand ging. Das war eindeutig die beste Geisterstunde, die sie je erlebt hatte!

Hoffentlich würde es noch mehr Geisternachhilfestunden geben.

Liebe Leser: Was haltet ihr davon?

 

Hannah Ballendat, Klasse 5a

 

Veröffentlicht: November 19, 2015 in Uncategorized

Ein Blick in die Zukunft

 

Eines Tages wachte die Fee Anna an einen Pilz gelehnt auf. Die Sonne schien hell, man konnte in den Spinnweben die kleinen Wassertropfen sehen.

Der alte König des Feenlandes schlief noch, das tat er fast immer, wenn er nicht gerade Süßes naschte. Mit seinen 99 Jahren gehörte er zu den Älteren, denn Feen konnten 120 Jahre alt werden. Er hatte die Eigenart, sehr pingelig zu sein: So wollte er immer genau wissen, wieviele Centimeter ein Blatt von einem Stein entfernt lag. Diese Eigenart galt natürlich auch für Süßes: Wieviele Bonbons waren gerade noch einmal im Hause?

Auch unsere kleine Fee Anna hatte eine Eigenart – oder besser eine besondere Fähigkeit: Sie konnte die Zukunft vorhersehen! So teilte sie König Eselsbold mit, dass er platzen würde, sollte er weiterhin so viele Bonbons essen.

Auch Larissa, eine Cousine von ihr, blieb nicht verschont: „Du wirst dich in Luft auflösen, wenn du nicht endlich richtig isst!“ – Leider trafen ihre Vorhersagen zu: Der König platzte und Larissa löste sich in Luft auf!

Anna wurde traurig und einsam. Niemand wagte sich mehr in ihre Nähe, da alle Angst vor ihren Vorhersagen hatten. Der Himmel trauerte mit ihr und ließ Tränen regnen, die feucht auf Annas Gesicht glitzerten. Aber das Schicksal sollte sich wenden.

Annas Nachbarin Kunigunde bewohnte ein schönes Haus, das sie mit viel Liebe hergerichtet

hatte. Anna trug sich jedoch genau deshalb seit Tagen mit Sorgen. Sie hatte vorhergesehen,

dass ein Blitz einschlagen würde und das Puppenstübchen von Kunigunde wäre zerstört.

So nahm sie ihr Herz in beide Hände und erzählte ihrer Nachbarin von der Gefahr. Kunigunde

nahm sie ernst und traf allerlei Vorbereitungen, um ihr Haus zu schützen.

Und tatsächlich: Ein Gewitter, wie es das Feenland noch nie erlebt hatte, wütete eine ganze

Nacht. Und Kunigundes Haus? Es blieb unversehrt.

Jeder kann sich vorstellen, wie sehr sich alle freuten. Am meisten aber freute sich Anna. Denn jetzt galt sie nicht mehr als diejenige, die Unglück verkündete, sondern als diejenige, die Unglück abwendet.

 

Carla Born (5a)

Veröffentlicht: November 18, 2015 in Uncategorized

Die Martins-Prüfung

 

 

Es war eine frühe Sankt Martins Nacht in Goslar. Die bunten, selbst gebastelten Laternen leuchteten wie Glühwürmchen die dunklen Gassen mit Pflastersteinwegen und Fachwerkhäusern entlang. Es waren enge Wege, durch die die singenden Kinder munter zogen. Doch Katrin, Luna und Fin liefen nur mit, weil die Geldspenden und Süßigkeiten, die sie sammelten, an bedürftige Kinder weitergegeben wurden, und sie damit einen guten Eindruck bei den Lehrern hinterließen. Es hatte gerade mal sieben Uhr von der Dorfkirche aus geschlagen, und trotzdem waren ihre Tüten schon bis zum Rand befüllt. Alle Kinder diskutierten darüber, wer nun mehr von den Mandarinen und dafür weniger von Nüssen und Zimtstangen in seinem Sammelbeutel mit sich trug, und alle Lehrkräfte unterhielten sich über die Spenden, die die Leute gegeben hatten und besonders über die großzügige Spende der alten Dame, die alle Dorfbewohner Witwe Valuni nannten, die sich sehr über die Aktion der Schule gefreut hatte, und gerne auch ihren Teil dazu gegeben hatte. Nur drei von ihnen, das waren Katrin, Luna und Fin, gingen hin und wieder abseits des Weges entlang, damit das Ganze nicht zu langweilig für sie wurde.

 

Sie gingen am Waldrand entlang, der direkt neben den Gassen lag. Sie dachten sich, da ihre Gruppe groß war, würde es nicht auffallen, wenn sie fehlten. Sie knipsten alle gleichzeitig ihr Laternenlicht aus, und waren erstaunt, wie wenig man jetzt noch sehen konnte. Alles war schwarz und sie wussten nicht mehr, wo sie lang liefen. Und plötzlich spürten sie überhaupt nichts mehr. Mit einem Mal war nicht nur die Laterne aus ihren zittrigen Fingern verschwunden, sondern mit ihr überhaupt ihre ganze Umgebung. Von der Panik gepackt liefen sie alle schnell los, um einfach irgendwas zu tun, und merkten dabei nicht, dass sie auseinander rannten, in den düsteren Wald hinein. Luna rief panisch: „Leute, was ist das?“, doch niemand antwortete. Fin konnte urplötzlich nicht mehr rennen, der Boden schien in sich einzusickern und zog ihn mit. Er piepste ängstlich: „Okay, hört auf! Das ist kein Spaß mehr!“

Doch keine Antwort kam zurück. Alles war vernebelt, alles war still, und das vertraute Singen der Anderen mit ihren hellen Laternen war verstummt und schien weit entfernt. Als Fins Knie schon langsam, aber sicher im scheinbar schlammigen Boden versunken waren, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken und er schrie um Hilfe. Doch niemand hörte ihn. Katrin ging es nicht anders. Sie wusste nicht, ob sie gerade stand, saß oder lag, alles war schwerelos und ohne Gleichgewichts, da war nur der Nebel, der alle drei umhüllte. Luna lief schneller, sie rannte um ihr Leben, nur leider wusste sie nicht wohin, bis plötzlich aus einer Nebelschwade ein immer deutlicher zu erkennendes Gesicht wurde. Und sie erkannte die verwitwete, alte Dame und freute sich über wenigstens etwas Bekanntes. Doch statt dem liebevollen Lächelns, mit dem sie die Anderen der Gruppe angesehen hatte, blickte sie Luna nun mit ernsten Augen an. Nach einer Weile gelang es Luna, sie zu ignorieren, indem sie sich immer wieder dachte, dass es nur eine Nebelschwade sei, die sie nur noch mehr verwirren würde. Bis die Dame sprach: „Luna, hör mir bitte zu!“, als Luna ihren Namen hörte, zuckte sie automatisch zusammen. Woher kannte die alte Witwe ihn? „Du wirst es nicht schaffen! So findest du hier nicht heraus. Du läufst nur noch tiefer ins Verderben hinein.“ Luna blieb schlagartig stehen, hüpfte aber vom einen, auf den anderen Fuß aus Angst, wenn sie stehen bliebe, würde sie spüren, aus was der Boden bestand und darauf wollte sie verzichten. Es war Luna unheimlich einer Nebelschwade zu vertrauen, aber irgendwie merkte sie, dass die Dame Recht hatte und es noch unheimlicher wäre, weiter ins Nichts zu rennen. Wer wusste schon, wie groß dieser seltsame Nebelwald war. Da erklang die Stimme erneut: „ Du musst drei Aufgaben bestehen, um dich und deine Freunde vor dem ewigen Nichts zu retten, und dazu musst du immer das Richtige tun. Was das für dich ist, musst du selbst entscheiden. Ich würde nur sagen, versuche im Abstoßenden nicht immer nur das Äußere zu sehen, sondern die wahren Werte! Lebe wohl, Luna!“ Die Nebelschwade verschwand es offenbarte sich ein Friedhof. Luna versetzte sich selbst einen Stoß und ging auf schlotternden Beinen den schmalen Weg an allen Grabsteinen vorbei. Sie waren alle mit Moos bedeckt, so konnte man nur teilweise die verschnörkelten Zeichen darauf erkennen. Nach ein paar Schritten stockte Luna der Atem und sie zuckte gewaltig zusammen. Vorsichtig, ganz langsam blickte sie ihr Bein hinunter auf ihren Fuß, der von einer Hand umklammert wurde, die nur aus Knochen bestand –  sie erschrak.

Das konnte nur ein Albtraum sein! Nur ohne den schrillen, vertrauten Klang des Weckers. Das Skelett, dem die Hand gehörte, stand bis zum Hals in einem aufgeschaufelten Grab.

„Hilfe“, piepste es. Erst wollte Luna wegrennen, bloß weg von dort, doch dann erkannte sie aus dem Hilferuf eine bekannte Stimme und dachte an die Worte der Witwe Valuni.

Es vergingen gefühlte Stunden bis Luna antwortete: „ Komm Fin, ich helfe dir da raus!“

Und aus dem Skelett wurde Fin, der dankbar Lunas Hilfe annahm. Zu zweit gingen sie weiter den Friedhofsweg entlang und begegneten einer alten Frau, die sich auf dem Boden wetzte.

Luna und Fin  beobachteten sie eine Weile. Sie sah ziemlich gequält aus. Luna reichte ihr die Hand. „Was machst du da?“, fragte Fin geschockt. Luna antwortete: „Ihr helfen, was sonst?“ „ Aber…“, widersprach ihr Fin. „Hilf mir lieber, anstatt dich über sie lustig zu machen!“ Die Frau nahm die beiden Hände, die ihr gereicht worden waren, dankbar an. Und sie wurde zu Katrin. „Danke.“, sagte sie. Sie verließen den Friedhof. Luna fragte sich, wann wohl die dritte Prüfung kam oder ob sie auch so schon frei waren.

 

Der Nebel wich zur Seite und sie waren wieder am Waldrand angelangt. Hastig liefen sie zu ihrer Gruppe und sahen erstaunt die bunten Laternen an, die wieder in ihren Händen lagen. So tuend, als sei nichts geschehen, zogen sie mit ihrer Gruppe weiter. Doch an einem blauen Fachwerkhaus saß eine alte Dame mit einem Beutel in den Händen. Sie bettelte. Als Luna das sah, rannte sie zu ihr und drückte der alten knittrigen Frau ihren Sammelbeutel, gefüllt bis zum Rand, in die Hand und lächelte sie an. Die alte Witwe Valuni erwiderte ihr Lächeln und flüsterte ihr zu: „Prüfungen bestanden!“

 

 

-Ende-

Marlene Pott (Jahrgangsstufe 7)